Chronischer Schmerz und Impact Play

Viele Menschen berichten mir von Schmerzen in bestimmten Körperregionen, ihrer Menstruation oder Kopfschmerzen. Ich möchte über diese Beschwerden informiert sein, aber meiner Erfahrung nach spielen sie beim Impact Play keine Rolle. Im Gegenteil, sie berichten oft von einer Schmerzlinderung nach unserer Session. Interessanterweise geben immer mehr Menschen mit chronischen Schmerzen an, dass BDSM – insbesondere Impact Play – unerwartete körperliche und seelische Linderung verschaffen kann. Doch warum und wie lindert Impact Play Schmerzen?


Erforschung von BDSM und chronischen Schmerzen

In einer 2025 in der Fachzeitschrift „Psychology & Sexuality“untersuchten die Forscher Reni Forer und Bryce Westlake die Erfahrungen von 525 Personen mit chronischen Schmerzen, die auch BDSM praktizieren. Viele berichteten sowohl von kurzfristiger körperlicher Linderung als auch von deutlichen emotionalen Vorteilen durch ihre Teilnahme. Mit der Zeit wurden diese Effekte so bedeutsam, dass einige Personen BDSM weiterhin praktizierten – nicht nur zum Vergnügen, sondern auch, um ihr allgemeines Wohlbefinden trotz der Schmerzen zu fördern.

Schmerz als Paradoxon

Viele Teilnehmer mit chronischen Schmerzen berichteten, häufiger intensivere Formen von BDSM, wie beispielsweise Edge Play – Szenen mit starken körperlichen Empfindungen oder hoher psychischer Intensität (wie etwa Messer- oder Feuerspiele). Dies mag zunächst paradox erscheinen, spiegelt aber ein breiteres Muster wider, das auch bei anderen Schmerzbehandlungen beobachtet wird. Einige nicht-medikamentöse Therapien– wie Akupunktur, transkutane elektrische Nervenstimulation (TENS) oder bestimmte Bewegungsformen – beinhalten ebenfalls kurze Phasen des Unbehagens, die paradoxerweise (neben anderen Wirkmechanismen) zu Schmerzlinderung führen.

Ein Grund dafür ist das Phänomen der „Schmerzlinderung nach dem Aufhören“. Wenn ein Schmerzreiz endet, kehrt das Gehirn nicht einfach in seinen Ausgangszustand zurück – es tritt oft in einen kurzen Zustand der Erleichterung oder sogar Euphorie. Dies wird durch das Belohnungssystem des Gehirns ausgelöst und beinhaltet die Freisetzung von Substanzen wie Dopamin, Endorphinen und körpereigenen Opioiden. Für Menschen mit chronischen Schmerzen kann sich diese vorübergehende Linderung wie ein Neustart anfühlen.

Eine weitere Erklärung liefert die Gate-Control-Theorie des Schmerzes. Diese 1965 von Melzack und Wall aufgestellte Theorie besagt, dass das Rückenmark eine Art „Tor“ enthält, das die Weiterleitung von Schmerzsignalen zum Gehirn reguliert. Bestimmte Stimulationsmethoden können dieses Tor „schließen“ und so die Intensität der Schmerzsignale blockieren oder reduzieren. Da dieser Mechanismus auf Ebene des zentralen Nervensystems stattfindet, kann er auch die Freisetzung körpereigener Opioide auslösen –nicht nur im Bereich der Stimulation, sondern möglicherweise auch in anderen Körperregionen, in denen Schmerzen empfunden werden. Dies könnte erklären, warum manche Menschen nach einer Stimulationssitzung eine Linderung von Schmerzen in anderen, nicht damit zusammenhängenden Bereichen berichten.

Neben den körperlichen Auswirkungen berichteten viele Teilnehmende von starken psychologischen Vorteilen. Das einvernehmliche Spielen mit dem Schmerz half ihnen, wieder eine Verbindung zu ihrem Körper herzustellen, oft auf eine Weise, die ihnen ein Gefühl der Stärke vermittelte. Chronische Schmerzen können dazu führen, dass sich Menschen hilflos und von ihrem Körper entfremdet fühlen. Im Gegensatz dazu ermöglichen einvernehmliche Praktiken ihnen, die Schmerzintensität zu regulieren und geben ihnen ein Gefühl der Kontrolle zurück.

Dieses Gefühl der Selbstwirksamkeit kann zutiefst heilsam sein. Es bietet die Möglichkeit, die eigene Beziehung zum Schmerz neu zu gestalten – ihn von etwas Passivem und Bedrückendem in etwas Aktives, Gemeinsames und sogar Angenehmes zu verwandeln.

Die Abbildung stammt aus der Studie von Forer, die beschreibt, wie Menschen mit chronischen Schmerzen einvernehmlichen Schmerz für ihr Wohlbefinden nutzen. Man erkennt, wie einvernehmlicher Schmerz durch die Erlangung von Selbstbestimmung und Kontrolle zu einem aktiven Bewältigungsmechanismus gegenüber nicht einvernehmlichem (chronischem) Schmerz wird. 

Keine Heilung – aber etwas Wertvolles

Um es klarzustellen: BDSM ist keine Behandlung chronischer Schmerzen im klinischen Sinne. Es kann weder medizinische Versorgung noch Therapie ersetzen. Für manche Menschen bietet es jedoch wertvolle Unterstützung und Linderung – körperlich, emotional und in Beziehungen. Für Menschen mit chronischen Schmerzen kann Impact Play nicht nur Momente der Flucht ermöglichen, sondern auch neue Empfindungen hervorrufen – Lust, Macht, Verbundenheit und manchmal sogar Linderung.

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